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Land_Gespräche Hittisau

„Ziemlich gute Jahre. Die Zukunft des Älterwerdens im ländlichen Raum“

Am Samstag, den 9. Oktober 2021 fand bei schönstem Herbstwetter im wieder vollbesetzten Ritter-von-Bergmann-Saal die 4. Tagung der Reihe Land|Gespräche|Hittisau statt. Die Vorträge der vielfach begeisternden Redner*innen kreisten um die „bio-psycho-soziale Gesundheit“ im Älterwerden mit besonderem Augenmerk auf der Situation in ländlichen Regionen. Trotz noch vielerorts intakter Strukturen des dörflichen Zusammenlebens erodieren auch hier die sozialen Netze und stoßen wichtige Betreuungsdienste an ihre personellen und finanziellen Grenzen. Eigeninitiative ist daher gefragt, so lautete der durchgehende Tenor in der hochstehenden Diskussion.

Erika Geser-Engleitner von der Fachhochschule Vorarlberg machte anhand empirischer Zahlen auf die kritische Entwicklung bei Pflegediensten aufmerksam: 24 Stunden-Hilfen nehmen vor allem auf dem Land zu; mit über 3100 Vollzeitäquivalenten übersteigen sie bereits jetzt bei weitem die Zahl der Pflegepersonen in stationären und ambulanten Einrichtungen in Vorarlberg (ca. 2300). Zudem hören 37 % der neuen Pflegekräfte bereits im ersten Berufsjahr wieder auf. Die Ungleichzeitigkeit von Tradition und Moderne infolge der Angleichung an städtische Lebensstile auf dem Land führt zur Erosion der Dorfgemeinschaft, zu sozialer Isolation und Lücken in der Versorgung, wobei wachsende Regionen besser gestellt sind als solche mit schrumpfender Bevölkerung. Denn eine klare Mehrheit der älteren Bevölkerung möchte lieber von professionellen Diensten als von Familienmitgliedern gepflegt werden. Wie auch andere Teilnehmer*innen misst die Referentin der Infrastruktur und den Wohnformen auf dem Land große Bedeutung zu.

Daniela Egger von der Aktion Demenz stellte einige Ergebnisse aus dem Beteiligungsprojekt „Guod ältor wedo im Heandorwold“ vor: Zu Hause alt werden, ist ein großer Wunsch vieler, doch Einsamkeit, das Gefühl mit seinen Fähigkeiten und Erfahrungen nicht mehr gebraucht und geschätzt zu werden, spricht gleichzeitig aus vielen Antworten der Befragten.

Heike Bischoff-Ferrari von der Universität Zürich befasste sich als Altersmedizinerin vor allem mit gesundheitlichen Aspekten des Älterwerdens. Ein langes, gesundes und selbstbestimmtes Alter hängt zu 70 Prozent von Lebensstilfaktoren ab, vor allem von der Ernährungsweise, Bewegung und sozialer Einbindung. Leichte Bewegung – wie sie etwa das von Kaba Dalla Lana vorgestellte Schweizer Programm „Zämegolaufe“ in losen Gruppen praktiziert – senkt die Sterblichkeit laut Studien um 40 – 62 %, und jedes Gespräch verjüngt erwiesenermaßen das Gehirn, verbessert u.a. die Gedächtnisleistung.

„Tätigwerden!“ ist denn auch die oberste Prämisse für den Philosophen und Schweizer Erfolgsautor Ludwig Hasler: Der Traum vom Glück im Nichtstun bleibt meist ein Traum; die bestgelaunten Älteren machen in ihrem Bereich einfach weiter; die Aufgaben und damit das Glück, z.B. gebraucht zu werden, würden vor der Haustür liegen. Es gehe wesentlich darum, sich als Teil eines größeren Ganzen zu sehen, an etwas Größerem mitzuwirken, das den Einzelnen überdauert und damit nachhaltig Sinn ergibt. Die nur durch Älterwerden zu erwerbende Erfahrung, das „praxisgesättigte Wissen“ gelte es zu „verheiraten“ mit dem neuesten Forschungswissen der Jungen – „dann sind wir als Gesellschaft unschlagbar!“

Als erfolgreiche Praxisbeispiele wurden präsentiert:
„Zeitpolster“ (Gernot Jochum Müller), Betreuung älterer Menschen in den Pflegestufen 0-3 auf Bauernhöfen im Programm „Green Care“ der Landwirtschaftskammer (Daniela Keßler-Kirchmayr zusammen mit Brigitte Ratheiser vom Rabingerhof in Kärnten) sowie die „Telefonkette“ einer Gruppe von je 4 – 6 alleinstehenden älteren Person im Rahmen der Schweizer Initiative „benephone“ (Gudrun Berger).

Die Veranstaltung wurde fachkundig moderiert von Primarius em. Albert Lingg und seiner Tochter, der Architektin Eva Lingg.

Mehr Einzelheiten zu den Vorträgen und der Podiumsdiskussion mit Guido Flatz, Obmann der Regio Bregenzerwald, Bernadette Oberhauser, Gemeinderätin in Bizau, Franz-Josef Köb, ehem. Rundfunkredakteur, und Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker finden sich im Ergebnisheft der Tagung, welches derzeit in Arbeit ist. Es kann bestellt werden (Kostenbeitrag: € 8) unter Angabe der Postadresse bei der Gemeinde Hittisau (tourismus(at)hittisau.at oder 05513 6209-250).

Die nächsten Land|Gespräche|Hittisau werden am Samstag, den 24. September 2022 stattfinden und den Zusammenhalt in der zukünftigen Dorfgemeinschaft zum Thema haben.

Die Land|Gespräche|Hittisau verstehen sich als Veranstaltungsreihe. Jährlich Ende September / Anfang Oktober findet in Hittisau eine Tagung im interaktiven Format zu aktuell wichtigen Fragen des dörflichen Zusammenlebens statt. Nach den Themen „Wohnformen der Zukunft“ 2018, „Bildung“ 2019, „Mobilität“ 2020 und „Älterwerden“ 2021 sollen in den kommenden Jahren Fragen des sozialen Zusammenhalts, der Berufstätigkeit auf dem Land sowie Landwirtschaft Gegenstand der Gespräche sein. Die Reihe entstand aus dem unmittelbaren Bedarf an Wissen und Expertise im Ort heraus. Dessen ungeachtet sind alle Interessenten, die das jeweils in den Mittelpunkt gestellte Thema anspricht, vor allem die jungen Menschen der engeren und weiteren Umgebung herzlich eingeladen, daran teilzunehmen. Die Tagung findet auch 2022 im Ritter-von-Bergmann Saal in Hittisau statt. Sie soll niederschwellig, einfach und kosteneffizient über die Bühne gehen – ohne Belastung öffentlicher Haushalte. Die finanzielle und vor allem auch inhaltliche Unabhängigkeit ist den Organisatoren – Johann Steurer, Hermann Hagspiel, Markus Faißt – wichtig und nur möglich durch den freiwilligen Einsatz vieler Beteiligter sowie die Sponsoren aus der Wirtschaft, die Finanzmittel für die Abdeckung der unweigerlich anfallenden Kosten (Referenten, Saaltechnik und Bewirtung, Kommunikation, Ergebnisheft usw.) in großzügiger Weise zur Verfügung stellen. Im Jahr 2021 erhielten die Land|Gespräche finanzielle Unterstützung dankenswerter Weise von baumschlager eberle Architekten, Claus Haberkorn, Dipl. Ing. Pius Lässer, Raiffeisenbank Vorderbregenzerwald, Privatkäserei Rupp und Wirtschaftskammer Vorarlberg.

 

Rückblick auf frühere Veranstaltungen:

„Mobilität im ländlichen Raum – Wie kommen wir weiter?“
lautete das Thema der der Land|Gespräche, die am 
26. September 2020 im Ritter-von-Bergmann Saal in Hittisau über die Bühne ging. Die Moderation hatte die versierte Verkehrsexpertin Andrea Weninger, Geschäftsführerin bei Rosinak & Partner in Dornbirn und Wien übernommen.

Harald Frey, Senior Scientist am Institut für Verkehrswissenschaften der Technischen Universität Wien, zeigte anhand einprägsamer Bilder und Grafiken auf, wie falsche Infrastruktur falsches Verhalten fördert. Erst wenn der Mensch wieder das Auto als bestimmendes Maß für Verkehrsplanung ablöst, Ortsbewohner wieder Vorrecht vor Durchfahrenden, Ortskernbelebungen Priorität vor Umfahrungsstraßen bekommen, an denen sich sofort „Metastasen“ in Form von Einkaufs-Zentren, Tankstellen etc. bilden, kann eine zweckbezogene Mobilität gelingen, welche die unterschiedlichen Bedürfnisse in Einklang bringt.

Jörg Zimmermann, Verkehrsplaner im Amt der Vorarlberger Landesregierung, illustrierte ergänzend die Verkehrsentwicklung im Bregenzerwald im Lauf der letzten 20 Jahre, wobei der Steigerungs-Effekt des Achraintunnels auf die Bevölkerungs- und Verkehrsentwicklung deutlich wurde. Viel wurde in den öffentlichen Verkehr investiert, die Zahl der verkauften Jahreskarten konnten deutlich gesteigert werden; verfehlt wurden jedoch die Ziele bei den mit dem Fahrrad, zu Fuß oder als Mitfahrer/in zurückgelegten Wegen.

Gerhard Fehr, Verhaltensökonom & CEO von FehrAdvice & Partners, Zürich, sieht in jeder Krise eine „Verhaltenskrise“. Entscheidend für eine Veränderung des Mobilitätsverhaltens ist ihm zufolge nicht das rationale, sondern das intuitive Denksystem; Gewohnheiten spielen eine ebenso große Rolle wie Verfügbarkeit und Convenience von Verkehrsmitteln. Jedenfalls reiche es bei weitem nicht aus, nur „das Autofahren schlechter zu machen“: Umstiegs-Wirkungen seien erwiesenermaßen minimal. Funktionierende Verkehrslösungen bauten auf die Komplementarität von Lösungen und nicht auf den Ersatz eines Verkehrsmittels durch ein anderes.

Roland Gruber, Geschäftsführer von nonconform, Moosdorf/Kärnten zeigte gemeinsam mit den Bürgermeistern Mario Abl aus Trofaiach/Stmk., John Grubinger aus Thalgau/Slbg., der Landtagsabgeordneten sowie Ex-Bürgermeisterin aus Ottensheim/OÖ UliBöker, wie die Bürger/innen von Durchzugsgemeinden ihre Ortszentren für sich und ihre Kinder zurückgewinnen konnten. Die Schlüssel dazu lauten Verkehr vermeiden, verlangsamen, verlagern. Mit den psychologisch wichtigen gestalterischen Elementen muss wirtschaftliche Entwicklung einhergehen, siehe etwa den innovativen Ansatz von „Public Home Offices“ oder eine Bücherei mit Straßen-Café im Zentrum, welches in Göfis fast zwangsläufig Druck auf den Autoverkehr am Dorfplatz erzeugte, wie Bürgermeister Thomas Lampert in der Podiumsdiskussion berichtete.

Die Wichtigkeit des Zusammendenkens von Wirtschafts-, Wohnbau- und Verkehrspolitik, und dies über das jeweils eigene Dorf hinweg, nicht zuletzt im Hinblick auf den im Bregenzerwald so wichtigen Tourismus, unterstrichen die weiteren Podiumsteilnehmer/innen Caroline Jäger vom e5-team in Hittisau, Bernhard Kleber, Verkehrssprecher der Regio Bregenzerwald, Peter Fetz, Hotelier im Gasthof „Hirschen“ in Schwarzenberg und Volker Ammann, Berater der „V-Mobility“-Initiative führender Vorarlberger Unternehmen.

Eine Zusammenfassung der Vorträge und der Diskussion findet sich im „Ergebnisheft 2020“, das – so wie die Ergebnishefte der früheren Tagungen (solange der Vorrat reicht) –beim Bürgerservice im Gemeindeamt Hittisau erhältlich ist. Eine digitale Version steht auch hier auf der Website zum Download zur Verfügung.

2019 – Bildung für den ländlichen Raum der Zukunft
Helga Kohler-Spiegel– „Bildung – wo es beginnt“ – führte eindrucksvoll die Bedeutung von Bindung von frühester Kindheit an als Grundlage für einen erfolgreichen Bildungs- und Berufsweg vor Augen.

Josef Watschinger spannte den Bogen weiter zum Geschehen in der Schule, vermittelte überzeugend, wie es mit neuen pädagogischen Ansätzen im Schulverband Pustertal gelingt, die Schule zur Gesellschaft hin zu öffnen, Kinder in ihrer jeweils besonderen Lebenssituation wahrzunehmen und keines von ihnen zurückzulassen.

Theo Wehnerrundete das Thema mit tiefen Einblicken in die Wirksamkeit von Sinn im Lernen und Tun ab, mit vielen Erkenntnissen aus der Analyse der Freiwilligenarbeit – und er hinterließ mit seinem Zitat von Georg Kerschensteiner einen anhaltenden Denkanstoß: „Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn Sie alles abziehen, was Sie gelernt haben“.

2018 – Wohnformen der Zukunft im ländlichen Raum
Die drei Gastredner setzten ganz unterschiedliche Schwerpunkte:

Martin Kaiser, Geschäftsführer der gemeinnützigen Wohnungsbau GmbH in Sonthofen/Allgäu, befasste sich mit Bauen und Wohnen in Zeiten tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels.

Dietmar Eberle, Architekt und langjähriger Leiter des Wohnforums an der ETH-Zürich, setzte sich in seinem leidenschaftlichen Exkurs mit den zuletzt eklatant gestiegenen Wohnbaukosten auseinander.

Gion A. Caminada, Architekt aus Vrin/Graubünden und Professor an der ETH Zürich, widmete sich dem zeitgemäßen Um- und Neubau im alpinen Bergdorf, illustriert durch konkrete Beispiele eines sensiblen Umgangs mit dem vorhandenen Bestand.

Eine Folgeveranstaltung im kleineren Kreis fand Ende Januar 2019 in Hittisau unter der bewährten Moderation von Annemarie Felder und mit Unterstützung des Büros für Zukunftsfragen des Vorarlberger Landesregierung statt. Die vertiefende und sehr substantielle Diskussion führte zu dem Ergebnis, dass ein „Stammtisch“ aller Interessierten eingerichtet werden soll, der im Besonderen an den Themen Leerstand und gemeinnütziger Bauträger im Bregenzerwald weiter arbeiten soll.

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