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Land_Gespräche Hittisau

"Mobilität im ländlichen Raum – Wie kommen wir weiter?“

lautete das Thema der jüngsten Ausgabe der Land|Gespräche, die am 26. September 2020 im Ritter-von-Bergmann Saal in Hittisau über die Bühne ging. Wieder waren es fast 180 Teilnehmer aus der näheren und weiteren Region, die sich auf eine angeregte Diskussion mit den eingeladenen Fachleuten und mit im Bereich Mobilität engagierten Kommunalpolitiker/innen einließen. Die Moderation hatte die versierte Verkehrsexpertin Andrea Weninger, Geschäftsführerin bei Rosinak & Partner in Dornbirn und Wien übernommen.

Harald Frey, Senior Scientist am Institut für Verkehrswissenschaften der Technischen Universität Wien, zeigte anhand einprägsamer Bilder und Grafiken auf, wie falsche Infrastruktur falsches Verhalten fördert. Erst wenn der Mensch wieder das Auto als bestimmendes Maß für Verkehrsplanung ablöst, Ortsbewohner wieder Vorrecht vor Durchfahrenden, Ortskernbelebungen Priorität vor Umfahrungsstraßen bekommen, an denen sich sofort „Metastasen“ in Form von Einkaufs-Zentren, Tankstellen etc. bilden, kann eine zweckbezogene Mobilität gelingen, welche die unterschiedlichen Bedürfnisse in Einklang bringt.

Jörg Zimmermann, Verkehrsplaner im Amt der Vorarlberger Landesregierung, illustrierte ergänzend die Verkehrsentwicklung im Bregenzerwald im Lauf der letzten 20 Jahre, wobei der Steigerungs-Effekt des Achraintunnels auf die Bevölkerungs- und Verkehrsentwicklung deutlich wurde. Viel wurde in den öffentlichen Verkehr investiert, die Zahl der verkauften Jahreskarten konnten deutlich gesteigert werden; verfehlt wurden jedoch die Ziele bei den mit dem Fahrrad, zu Fuß oder als Mitfahrer/in zurückgelegten Wegen.

Gerhard Fehr, Verhaltensökonom & CEO von FehrAdvice & Partners, Zürich, sieht in jeder Krise eine „Verhaltenskrise“. Entscheidend für eine Veränderung des Mobilitätsverhaltens ist ihm zufolge nicht das rationale, sondern das intuitive Denksystem; Gewohnheiten spielen eine ebenso große Rolle wie Verfügbarkeit und Convenience von Verkehrsmitteln. Jedenfalls reiche es bei weitem nicht aus, nur „das Autofahren schlechter zu machen“: Umstiegs-Wirkungen seien erwiesenermaßen minimal. Funktionierende Verkehrslösungen bauten auf die Komplementarität von Lösungen und nicht auf den Ersatz eines Verkehrsmittels durch ein anderes.

Roland Gruber, Geschäftsführer von nonconform, Moosdorf/Kärnten zeigte gemeinsam mit den Bürgermeistern Mario Abl aus Trofaiach/Stmk., John Grubinger aus Thalgau/Slbg., der Landtagsabgeordneten sowie Ex-Bürgermeisterin aus Ottensheim/OÖ UliBöker, wie die Bürger/innen von Durchzugsgemeinden ihre Ortszentren für sich und ihre Kinder zurückgewinnen konnten. Die Schlüssel dazu lauten Verkehr vermeiden, verlangsamen, verlagern. Mit den psychologisch wichtigen gestalterischen Elementen muss wirtschaftliche Entwicklung einhergehen, siehe etwa den innovativen Ansatz von „Public Home Offices“ oder eine Bücherei mit Straßen-Café im Zentrum, welches in Göfis fast zwangsläufig Druck auf den Autoverkehr am Dorfplatz erzeugte, wie Bürgermeister Thomas Lampert in der Podiumsdiskussion berichtete.

Die Wichtigkeit des Zusammendenkens von Wirtschafts-, Wohnbau- und Verkehrspolitik, und dies über das jeweils eigene Dorf hinweg, nicht zuletzt im Hinblick auf den im Bregenzerwald so wichtigen Tourismus, unterstrichen die weiteren Podiumsteilnehmer/innen Caroline Jäger vom e5-team in Hittisau, Bernhard Kleber, Verkehrssprecher der Regio Bregenzerwald, Peter Fetz, Hotelier im Gasthof „Hirschen“ in Schwarzenberg und Volker Ammann, Berater der „V-Mobility“-Initiative führender Vorarlberger Unternehmen.

Die Veranstaltung wurde erneut ohne öffentliche Förderung oder Belastung des Gemeindebudgets durchgeführt – dank des ehrenamtlichen Engagements zahlreicher Helfer/innen im Dorf und großzügiger Sponsoren, im Besonderen Claus Haberkorn, Dipl.-Ing. Pius Lässer, Raiffeisenbank Vorderbregenzerwald, vkw vlotte, Wirtschaftskammer Vorarlberg.

Eine Zusammenfassung der Vorträge und der Diskussion wird gegen Jahresende als „Ergebnisheft“ erscheinen. Bestellungen können ab sofort unter Angabe der Postadresse per Email unter  tourismus(at)hittisau.at  abgegeben werden.
Die nächste Tagung wird sich der „Zukunft der sozial-medizinischen Versorgung im ländlichen Raum“ widmen und am 25. September 2021 in Hittisau stattfinden.

 

Die Land|Gespräche|Hittisau verstehen sich als Veranstaltungsreihe. Jährlich am letzten Samstag im September findet in Hittisau eine Tagung im interaktiven Format zu aktuell wichtigen Fragen des dörflichen Zusammenlebens statt. Nach den Themen „Wohnformen der Zukunft“ 2018, „Bildung“ 2019 und „Mobilität“ 2020 sollen in den kommenden Jahren Fragen der sozialmedizinischen Versorgung, Berufstätigkeit auf dem Land und Landwirtschaft Gegenstand der Gespräche sein.

Die Reihe entstand aus dem unmittelbaren Bedarf an Wissen und Expertise im Ort heraus. Dessen ungeachtet sind alle Interessenten, die das jeweils in den Mittelpunkt gestellte Thema anspricht, vor allem die jungen Menschen der engeren und weiteren Umgebung herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.

Die Tagung findet auch 2020 im Ritter-von-Bergmann Saal in Hittisau statt. Sie soll niederschwellig, einfach und kosteneffizient über die Bühne gehen – ohne Belastung der Gemeindekasse. Die finanzielle und vor allem auch inhaltliche Unabhängigkeit ist den Organisatoren – Johann Steurer, Hermann Hagspiel, Markus Faißt – wichtig und nur möglich durch den freiwilligen Einsatz vieler Beteiligter sowie die Sponsoren aus der Wirtschaft, die Finanzmittel für die Abdeckung der unweigerlich anfallenden Kosten (Referenten, Saaltechnik und Bewirtung, Kommunikation, Ergebnisheft usw.) in großzügiger Weise zur Verfügung stellen.

Nachlese zu den letzten Veranstaltungen der Reihe:

2019 – Bildung für den ländlichen Raum der Zukunft
Helga Kohler-Spiegel – „Bildung – wo es beginnt“ – führte eindrucksvoll die Bedeutung von Bindung von frühester Kindheit an als Grundlage für einen erfolgreichen Bildungs- und Berufsweg vor Augen.
Josef Watschinger spannte den Bogen weiter zum Geschehen in der Schule, vermittelte überzeugend, wie es mit neuen pädagogischen Ansätzen im Schulverband Pustertal gelingt, die Schule zur Gesellschaft hin zu öffnen, Kinder in ihrer jeweils besonderen Lebenssituation wahrzunehmen und keines von ihnen zurückzulassen.
Theo Wehner rundete das Thema mit tiefen Einblicken in die Wirksamkeit von Sinn im Lernen und Tun ab, mit vielen Erkenntnissen aus der Analyse der Freiwilligenarbeit – und er hinterließ mit seinem Zitat von Georg Kerschensteiner einen anhaltenden Denkanstoß: „Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn Sie alles abziehen, was Sie gelernt haben“.

Interessent/-innen, denen eine Teilnahme nicht möglich war, können eine gedruckte Nachlese im Ergebnisheft 2019 erhalten (€ 8,-) Bestellung per Mail an
tourismus(at)hittisau.at (mit Angabe der Postadresse) oder elektronisch hier im Volltext ansehen.

2018 – Wohnformen der Zukunft im ländlichen Raum
Die drei Gastredner setzten ganz unterschiedliche Schwerpunkte:
Martin Kaiser, Geschäftsführer der gemeinnützigen Wohnungsbau GmbH in Sonthofen/Allgäu, befasste sich mit Bauen und Wohnen in Zeiten tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels.
Dietmar Eberle, Architekt und langjähriger Leiter des Wohnforums an der ETH-Zürich, setzte sich in seinem leidenschaftlichen Exkurs mit den zuletzt eklatant gestiegenen Wohnbaukosten auseinander.
Gion A. Caminada, Architekt aus Vrin/Graubünden und Professor an der ETH Zürich, widmete sich dem zeitgemäßen Um- und Neubau im alpinen Bergdorf, illustriert durch konkrete Beispiele eines sensiblen Umgangs mit dem vorhandenen Bestand.

Eine Zusammenfassung der Beiträge wurde im „Ergebnisheft 2018“ veröffentlich, das - solange der Vorrat reicht - bei tourismus(at)hittisau.at per Mail angefordert oder elektronisch hier im Volltext angesehen werden kann.

Eine Folgeveranstaltung im kleineren Kreis fand am
31. Januar 2019 in Hittisau unter der bewährten Moderation von Annemarie Felder und mit Unterstützung des Büros für Zukunftsfragen des Vorarlberger Landesregierung statt. Die vertiefende und sehr substantielle Diskussion führte zu dem Ergebnis, dass ein „Stammtisch“ aller Interessierten eingerichtet werden soll, der im Besonderen an den Themen Leerstand und gemeinnütziger Bauträger im Bregenzerwald weiter arbeiten soll.

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